Verhinderte Hefte und Autoren

Die Konzeption der Reihe ›Poesiealbum‹ sah die Wiedergabe und Bewahrung progressiver, weltoffener Lyrik vor. Die Gründungsdokumente enthielten gemäß dem allgemeinen Staatsbekenntnis der DDR noch die Attribute: antifaschistisch, demokratisch und fortschrittlich; wobei dem jungen, sozialistischen Realismus ein Schwerpunkt, wie auch der freundschaftlichen Verbundenheit zu den sozialistischen Bruderländern gewidmet war. Besonders verpflichtet sollten sich die Verantwortlichen dem »Deutschen Erbe« (zB. Friedrich Rückert – Pa 246) bzw. dem »Proletarisch-revolutionären Erbe« (bspw. Friedrich Wolf – Pa 254) fühlen.
Dessenungeachtet strebten die Macher eine umfassende Aufnahme lyrischer Glanzleistungen und Besonderheiten und selbstverständlich auch international bedeutender Autoren in das Programm an.
Das gelang nicht immer.
Die Bindung der Reihe an den Verlag Neues Leben, der durch den Zentralrat der FDJ geleitet wurde, führte dazu, daß alle Vorhaben vor ihrer endgültigen Genehmigung durch das Ministerium für Kultur dort zuvor begut- bzw. manche beschlechtachtet wurden. Sowohl Verlagsleiter als auch Herausgeber bzw. Lektoren der Reihe mußten mehrfach Eingriffe oder Absagen in vorgelegte Projekte erdulden.
Daß andererseits entgegen politischer Zeitumstände auch unglaubliche Realisierungen möglich waren (89 Brasch – Hg. Jentzsch, 126 Greßmann und 127 Ginsberg – Hg. Pietraß, 189 Dylan – Hg. Oehme), war sicher ebenso dem besonderen Status des »FDJ-Verlages« zu verdanken!

(Da die zeitliche Folge der Vorgänge zZ. unklar ist, in alphabetischer Reihenfolge:)

Ingeborg  Bachmann (A) war als Poesiealbum 12? lt. Richard Pietraß druckfertig; wurde wegen der »Republikflucht« von Jentzsch kurzfristig ersetzt.                                                                                                                                         —> (Pa 350)

Reinhard Bernhof wurde zunächst relativ früh schon Ende der 60er Jahre von Bernd Jentzsch in Vorbereitung eines Poesiealbums zu Gesprächen gebeten, die aber folgenlos blieben. Angesichts etlicher in der DDR erschienener Gedichtbände (Aufbau und Insel-Verlag) ist die Ablehnung eines Poesiealbums nicht unmittelbar zu erklären; eine vom Autor in den 80er Jahren selbst vorgenommene Nachfrage zu einer Erscheinung wurde vom Verlag mit der Begründung „Papiermangel“ wiederum abgelehnt. Das hing vielleicht mit dem durch die Stasi geführten Vorgang zum Autor „Poet“ zusammen [7].                                                                                                              —> Pa 331

Adolf Dresen

Thomas S. Eliot (USA/GB): war als  Poesiealbum 123 in Auswahl von Herausgeber Bernd Jentzsch fertiggestellt [2]. Lt. Nachfolger Richard Pietraß existierten schon die Druckfahnen. Das Heft wurde wegen der sog. »Republikflucht« von Jentzsch ersetzt.

Uwe Greßmann hatte Hg Bernd Jentzsch auf seiner Projektliste; wurde zweimal abgelehnt. Erst der sehr sensiblen Argumentation und geschickten Auswahl von Richard Pietraß gelang zu einem günstigen Moment der Kulturpolitik die Realisierung des Heftes.      —> Pa 126

Lars Gustafsson hatte als schwedischer Dichter schon die wohlwollende Zulassung zu einer Heftauswahl erreicht, als er sich bei einer internat. Tagung »abfällig über die sozialistischen Länder äußerte«. Daraufhin mußte die weitere Arbeit am Heft eingestellt werden.[2]

Peter Huchel hätte auf Hinweis der DDR-Oberen schon Anfang der 70er Jahre ein Heft haben können, was jedoch eifrige Kleingeister in vorauseilendem Gehorsam hintertrieben  [5]. Als er in den 80er Jahren auch offiziell rehabilitiert war,  lehnte in der Vorbereitungsphase die Witwe Monica Huchel eine Lizensierung ab: In der DDR sollte keine Zeile von Peter Huchel mehr erscheinen [3].              —> Pa 277

Ernst Jandl  fiel bei einer Probelesung, die Lektor Bernd Jentzsch vor Cheflektor und Verlagsleiter schon Anfang der 70er Jahre halten mußte, durch. Nachdem sie schon mit dem Namen Ernst Jandls nichts anfangen konnten, ›scheiterte der Weltautor an der Kreisklasse des Geistes‹. [1]  
                                                                                                                                                     —> Pa 278

Marie Luise Kaschnitz war als Poesiealbum 12? von Herausgeber Bernd Jentzsch schon fertiggestellt, (lt. Nachfolger Richard Pietraß), wurde wegen der »Republikflucht« von Jentzsch ersetzt.                                                                                     —> (Pa 340)

Sarah Kirsch, Hg+Aw Bernd Jentzsch. Das Heft war nach einer ersten Verschiebung von Position 113 dann als Nr. 122 nach Schlußkorrektur durch die Autorin (Manuskript signiert: "Sarah Kirsch 19.12.1976") im Herbst 1977 druckfertig [2] und durfte nicht mehr erscheinen, da SK die Ausreise aus der DDR beantragt hatte. Bei einem Besuch von Verlagsleiter und dem neuen Poesiealbum-Lektor Pietraß wurde ihr angeboten, daß das Heft nach einer Abstandszeit »etwas später« erscheinen könne; das wurde jedoch bis zum Ende der DDR nicht realisiert.  —> Pa 330

Ursula Krechels Heft war nach Planungen des damaligen Herausgebers Richard Pietraß in Vorbereitung; durch Pietraß’ Ausscheiden aus dem Verlag wurde das schon in Verhandlung mit der westdeutschen Autorin befindliche Projekt aus bisher unbekannten Gründen beendet.
Eine Revision der damaligen Verwehrung als vorgesehenes Pa 336 wird mit dem Argument der »Bedeutungslosigkeit des heutigen Poesiealbums« abgelehnt.

Federico García Lorca (E) hatte als Pa 025 schon alle internen Verlagshürden (incl. Auswahl: Bernd Jentzsch, Verlagsgutachten und Druckgenehmigung) im Okt. 1968 mit einer genehmigten Aufl. von 14 000 und geplanter Auslieferung IV/1969 erfolgreich durchlaufen; Gründe für den Abbruch sind bisher unbekannt.

Andreas Reimann hatte nach seiner Erinnerung schon eine Auswahl von Bernd Jentzsch besprochen. Nach dessen ›Republikflucht‹ blieb diese »unbeachtet im Schubfach liegen« und wurde unbegründet nicht weiter verfolgt.                                              —> (Pa 338)

B. K. Tragelehn, Auswahl war als Poesiealbum 128 von Herausgeber Bernd Jentzsch schon fertiggestellt, (lt. Nachfolger Richard Pietraß existierten Druckfahnen), der Umschlag ist überliefert [6]. Nach mehrfachen Berufsverboten (zwischendurch durch Paul Dessaus Intervention aufgehoben) wird Tragelehn nach einem Eklat um Strindbergs ›Fräulein Julie‹ im BE »gemeinsam mit Schleef nun endgültig der DDR-Öffentlichkeit entzogen; eine erste Gedichtsammlung in der Reihe ›Poesiealbum‹ wird ebenfalls gekantet«. [4] Dazu erschien eine Anzeige: »Das Heft 128 erscheint zu Ludwig Uhland«. (Siehe fehlende Ankündigung in Pa 127.)                                                      —> (Pa 333)

 

Vom Verlag Neues Leben waren in einer Vorschau (in Pa 268 bzw. Pa 34(2.), 1990) für 1990 noch angekündigt und dann wegen Einstellung der Reihe nicht mehr erschienen:
George Brassens  als Poesiealbum 276
Ina Kutulas  als Poesiealbum 277 bzw.
Mario Persch  als Poesiealbum 277
Robert Burns  als Poesiealbum 278
August Stramm  als Poesiealbum 279

________________________________________________________________________________________

Aber auch in der »Neuzeit« gab es durch unvorhergesehene Umstände Ausfälle an geplanten Heften:

Hermann Kasack  war als Potsdamer und wegen seiner weitestgehend unbekannten Lyrik zunächst 2002 für die Wiederaufnahme der Reihe unter Mitwirkung des Potsdamer Literaturkollegiums für Heft 277 vorgesehen. Diese angestrebte Zusammenarbeit versandete; mit dem Einstieg des Ur-Gründers der Reihe Bernd Jentzsch als Herausgeber 2007 und den vielfachen Bindungen des Wilhelmshorster Verlegers zu Peter Huchel – persönlich wie editorisch – wurde dieser vorgezogen.                                                                                         —> Pa 291

Christine Busta war als eine der drei großen österreichischen Dichterinnen des vorigen Jahrhunderts als Heft 316 fertiggestellt. Nach der Auswahl (Jürgen Israel; hatte schon zu DDR-Zeiten in der Lyrik-Reihe des St. Benno-Verlags ein Heft zur Busta ediert) und Heftgestaltung sowie erfolgreichem Andruck mußte das Heft aG. unrealisierbarer Lizenzforderungen aus der Druckerei zurückgezogen werden.
Eine beantragte anteilige Förderung der Nachdruckgebühr beim österreichischen Kulturministerium wurde mit einer sachlich falschen Begründung abgelehnt.

________________________________________________________________________________________

Diese Aufstellung ist sicher unvollständig; für ergänzende Mitteilungen von  Beschränkungen und Zensureingriffen ist der Chronist dankbar.

Quellen:
[1]
BJ in Poesiealbum 278(1.)
[2] Gesprach mit BJ am 17.9.2007 in Euskirchen
[3] Gesprach mit MH in Staufen
[4] Neues Deutschland 12.4.2011: Staaten auf Sand. Also wozu Erdbeben?
[5] BJ: Welt-Echo, Verlag Haus Schlangeneck 2006
[6] Wichner/Wiesner: Zensur in der DDR. Lit.haus Berlin 1991
[7] Sicherungsbereich Literatur. Links-Verlag Berlin 1996